Simson SR1: Das erste Moped der DDR (1955–1957)
Die Geburtsstunde der DDR-Massenmotorisierung
Als der VEB Fahrzeug- und Gerätewerk Simson in Suhl im Jahr 1955 das SR1 vorstellte, war es das erste in Serie gebaute Moped der DDR. Der Name verrät seine Herkunft: Das „S“ steht für Suhl, das „R“ für Rheinmetall, denn den Motor lieferte das VEB Büromaschinenwerk Rheinmetall aus Sömmerda zu. Innerhalb von nur zwei Produktionsjahren, bis 1957, entstanden rund 152.000 Exemplare – eine für die junge DDR-Fahrzeugindustrie beachtliche Stückzahl.
Das SR1 traf einen Nerv: In Westdeutschland hatten sich Mopeds bereits ab 1953 durchgesetzt, und auch die DDR-Bevölkerung wünschte sich ein bezahlbares, motorisiertes Zweirad. Gemeinsam mit den einfachen Fahrradhilfsmotoren „MAW“ (im Volksmund „Maffs“ genannt) leitete das SR1 die Massenmotorisierung der DDR ein – und verdrängte dabei die Hilfsmotoren binnen kurzer Zeit fast vollständig vom Markt.
Technik: Ein Moped im Wortsinn
Der Name „Moped“ (Motor plus Pedal) war beim SR1 Programm: Über eine echte Fahrradkurbel mit Pedalen ließ sich der 47,6-cm³-Zweitaktmotor anwerfen, und bei Bedarf – etwa am Berg – konnte auch aktiv mitgetreten werden. Der Motor leistete 1,5 PS bei 4.500 bis 5.000 Umdrehungen pro Minute, verfügte über eine handgeschaltete Zweiganggetriebe direkt am Lenker und wurde über einen Schwunglichtmagnetzünder mit 6 Volt versorgt. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei 45 km/h, die Reichweite bei etwa 250 Kilometern.
Auffällig waren die großen 26-Zoll-Räder, wahlweise mit Stahl- oder Aluminiumfelgen, die dem SR1 eine fahrradnahe Sitzposition und einen entsprechend fahrradähnlichen Federungskomfort verliehen. Lackiert wurde es unter anderem in Maron, Beige, Lindgrün, Hechtgrau und Diaphanblau.
Alltagstauglich, aber nicht perfekt
In Ermangelung echter Konkurrenz erfreute sich das robuste SR1 großer Beliebtheit. Zeitgenössische Testberichte der Fachzeitschrift „Kraftfahrzeugtechnik“ lobten die Zuverlässigkeit, bemängelten jedoch das laute Ansaug- und Auspuffgeräusch durch die spärliche Dämpfung sowie einen wenig haltbaren Kippständer. Auch der tatsächliche Kraftstoffverbrauch lag im Alltag mit über 2 Litern auf 100 Kilometer spürbar über den optimistischen Werksangaben – ein Hinweis darauf, dass der Motor im Teillastbereich nicht optimal abgestimmt war.
Zum 1. März 1956 führte die DDR zudem eine Fahrerlaubnis- und Versicherungspflicht für Mopeds ein, nachdem die Rechtslage zunächst unklar gewesen war. Bastler rüsteten das SR1 gelegentlich sogar mit selbstgebauten Seitenwagen oder Kindersitzen aus, obwohl eine Serienfertigung solcher Anbauten zunächst an offenen rechtlichen Fragen scheiterte.
1956: Kleine Verbesserungen, große Wirkung
Auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1956 präsentierte Simson ein überarbeitetes SR1 mit Detailverbesserungen, am augenfälligsten waren neue Schutzblechblenden. Ansonsten blieb das Grundkonzept unverändert erfolgreich.
Vom SR1 zum SR2
1957 endete die Fertigung des SR1 zugunsten der technischen Weiterentwicklung SR2, die unter anderem ein modernisiertes Antriebskonzept mitbrachte. Heute gilt das SR1 in Sammlerkreisen als das erste und damit historisch bedeutsamste Simson-Moped überhaupt und wird entsprechend hoch gehandelt – ein echtes Stück DDR-Mobilitätsgeschichte, mit dem alles begann.