Simson SR4-4 Habicht: Der letzte Vogel der Serie (1972–1975)
Antwort auf eine Nachfragelücke
Ende der 1960er Jahre herrschte in der DDR große Nachfrage nach den zulassungsfreien 60-km/h-Modellen Schwalbe und Star. Der Sperber, technisch ähnlich, aber mit 75 km/h rechtlich als Motorrad eingestuft, blieb dagegen hinter den Erwartungen zurück. Simsons Lösung: Die Sperber-Produktionskapazitäten sollten künftig für ein neues 60-km/h-Kleinkraftrad mit der gehobenen Ausstattung des Sperbers genutzt werden. Der Öffentlichkeit erstmals auf der Leipziger Herbstmesse 1971 vorgestellt, erhielt der SR4-4 zunächst den Namen „Star de luxe“ – dieser blieb letztlich den Exportmodellen vorbehalten, im Inland setzte sich der Name „Habicht“ durch. Ab 1972 lief er auf denselben Bändern wie zuvor der Sperber vom Band und traf sofort auf große Nachfrage.
Baukastenprinzip auf die Spitze getrieben
Technisch und optisch entsprach der Habicht weitgehend dem Sperber – mit einer entscheidenden Ausnahme: Statt des hochdrehenden Sperber-Triebwerks kam der gebläsegekühlte 3,4-PS-Motor des Star zum Einsatz (Typ M 54/11 KFL). Das klauengeschaltete Vierganggetriebe des Sperbers wurde dagegen beibehalten, ebenso die außenliegende Zündspule und der kräftige 25/25-Watt-Scheinwerfer. So entstand ein zulassungsfreies Kleinkraftrad mit 60 km/h Spitze, das dennoch die Komfortmerkmale des Sperbers bot: steiferer Rahmen mit Zusatzstrebe, Tank mit Knieschluss, Vierganggetriebe, längere Sitzbank (625 mm) und hydraulisch gedämpfte Federbeine.
Preislich zwischen Star und Sperber
Mit 1430 Mark Neupreis positionierte sich der Habicht 230 Mark über dem Star und 120 Mark unter dem Sperber – ein Modell für alle, die mehr Komfort und sportlichere Erscheinung wollten, ohne auf Zulassungsfreiheit zu verzichten. Zur optischen Unterscheidung wurde der Habicht olivgrün lackiert, ein Farbton, der bei Simson für gehobene Ausstattung stand und auch am Topmodell der Schwalbe verwendet wurde; Verkleidungsteile, Lenkerschale und Tank blieben in hellem Alabasterweiß.
Kleine technische Feinheiten
Am unveränderten Sperber-Getriebe wurde lediglich am Getriebeausgang ein 13- statt 14-Zähne-Ritzel verbaut. Dadurch war der erste Gang niedriger, der vierte Gang etwas länger übersetzt als beim Star – der Habicht erreichte damit eine minimal höhere Spitzengeschwindigkeit als der Star SR4-2/1 und lag mit der Schwalbe KR 51/1 (die 0,2 PS mehr leistete) gleichauf. Im KFT-Fahrbericht wurden geduckt sitzend 63, liegend 66 km/h gemessen. Kritisiert wurden – wie schon beim Sperber – mangelhafte Seitenführungskräfte der Reifen und eine Neigung zum Lenkerpendeln durch die knappe Vorlaufgeometrie. Der Verbrauch lag bei 3,0 l/100 km.
Letzter Vogel, frühes Ende
Der Habicht war das letzte neu eingeführte Modell der Vogelserie. Wie auch der Star wurde seine Produktion bereits 1975 zugunsten der neuen S-50-Baureihe eingestellt – ein Viergang-Nachfolger kam mit dem S 51 B1-4 erst 1980 wieder ins Simson-Programm. Bis zum Serienauslauf entstanden rund 77.200 Habichte. Nach 1975 gefertigte Ersatzrahmen können entsprechend jüngere Baujahre auf dem Typenschild tragen.
Ein kurzes, aber prägnantes Kapitel
Mit nur drei Jahren reguläer Serienproduktion war der Habicht das kurzlebigste Mitglied der Vogelfamilie – und zugleich ihr konsequentester Ausdruck des Baukastenprinzips: Er kombinierte bewährte Bauteile mehrerer Vorgänger zu einem eigenständigen, populären Gesamtpaket, bevor die S-50-Generation 1975 eine neue Ära bei Simson einläutete.