Simson SR4-1 Spatz: Das Basismodell der Vogelserie (1964–1970)
Nachfolger des SR2E
Als Simson 1964 die komplett neue „Vogelserie“ einführte, brauchte es ein modernes Basismodell für die breite Masse – heraus kam der SR4-1 mit dem Beinamen „Spatz“, Nachfolger des altgedienten SR2E. Der Name Typ SR (Simson-Rheinmetall) 4-1 täuscht dabei etwas, denn anfangs kam der Motor tatsächlich noch aus dem ehemaligen Rheinmetallwerk in Sömmerda – eine Übergangslösung, weil die neuen Simson-eigenen Fertigungskapazitäten zunächst vollständig für die Schwalbe benötigt wurden.
Neuer Rahmen, mehr Komfort
Der Spatz erhielt einen komplett neu konstruierten Rahmen aus Rohr- und Blechprägeteilen sowie ein großzügiges Sitzkissen anstelle des bisherigen Sattels. Zusammen mit den neuen reibungsgedämpften Federbeinen hinten (85 mm Federweg) stieg der Fahrkomfort gegenüber dem SR2 spürbar. Wie die übrigen Vogelserien-Modelle besaß er eine nach MZ-Patent vollgekapselte Kette und 16-Zoll-Laufräder mit Trommelbremsen, beim Spatz allerdings mit lackierten Stahl- statt Leichtmetallfelgen. Um dem schlankeren Vorderbau gerecht zu werden, montierte Simson den Scheinwerfer des KR 50.
Zwei Motoren, ein Modell
Anfangs trieb noch der bekannte Sömmerdaer Zweitakter mit – seit 1963 dank KR-50-Zylinderkopf auf 2,0 PS gesteigert – den Spatz auf 50 km/h. Zunächst gab es ihn klassisch als Moped mit Pedalen (SR4-1 P) oder mit Fußrasten und Kickstarter (SR4-1 K). Ab 1967 zog dann der eigene Simson-Motor M52 mit Grauguss-Zylinder ein, gedrosselt auf 2,3 PS bei weiterhin 2-Gang-Handschaltung; die Modellbezeichnung wechselte zu SR4-1 SK, die reine Pedal-Variante entfiel. Die Fahrleistungen verbesserten sich merklich, die zulässige Höchstgeschwindigkeit blieb jedoch unverändert bei 50 km/h.
Kontroverse um die Kritik der Fachpresse
Die zeitgenössische Fachzeitschrift Kraftfahrzeugtechnik lobte zwar das moderne Äußere, kritisierte aber den späten Modellwechsel und mehrere konstruktive Mängel: Unterhalb von 3500/min falle das Drehmoment stärker ab als beim SR2, was besonders im Gelände Anfahrschwierigkeiten bereite, zudem träten ab 50 km/h stärkere Vibrationen an Fußrasten und Lenkerenden auf. Simson entgegnete, Leistung und Drehmomentverlauf hätten sich gar nicht geändert – der Eindruck resultiere allein aus dem höheren Gewicht des Spatz gegenüber dem SR2E. Als Kompromiss bot das Werk ein kleineres Ritzel an, das zulasten der Spitzengeschwindigkeit dieselbe Beschleunigung wie beim Vorgänger ermöglichte.
Exportmodell für den Westen
Der Spatz wurde über das Versandhaus Neckermann auch nach Westdeutschland exportiert, dort zum Preis von 598 DM. Wegen der westdeutschen StVZO-Vorschriften für geschwindigkeitsbegrenzte Kleinkräder fehlten diesen Exportmodellen Batterie und Hupe zugunsten einer einfachen Fahrradklingel, zudem war die Höchstgeschwindigkeit bauartbedingt auf 40 km/h gedrosselt. In der DDR selbst kostete der Spatz stets 1050 Mark und war lackiert in Weinrot mit gräulich-grünem Beige, später auch in Braun oder Blau.
Ende und Nachfolge
1970 lief die Produktion des Spatz nach 152.000 gebauten Einheiten aus. Als einfaches, einsitziges Modell für geringere Ansprüche übernahm fortan der neue Typ SL1 diese Rolle im Simson-Programm. Trotz der Kritik der Fachpresse war der Spatz damit sechs Jahre lang das solide Einstiegsmodell der Vogelserie und für viele DDR-Bürger der erste Schritt in die motorisierte Mobilität.