Simson Schwalbe KR 51/1: Die Ikone aus Suhl (1964–1980)
Der Beginn der Vogelserie
1964 eröffnete die Simson Schwalbe unter der Typenbezeichnung KR 51 die sogenannte Vogelserie – und wurde zum mit Abstand bekanntesten Simson-Modell aller Zeiten. „KR“ steht für Kleinroller, die „5“ für 50 cm³ Hubraum, die „1“ grenzt sie vom Vorgänger KR 50 ab. Mit über einer Million gebauten Exemplaren über alle drei Baureihen hinweg war die Schwalbe das meistgebaute Kleinkraftrad der DDR und ist bis heute Teil des Straßenbilds.
Eine lange Entwicklungszeit
Die Arbeiten am Nachfolger des KR 50 begannen bereits 1958 unter Leitung von Erhard Werner, gemeinsam mit Karl-Heinz Walther und Georg Schübel. 1960 liefen erste Prototypen, 1962 legte das Lastenheft eine Höchstgeschwindigkeit von 68 km/h fest, um international konkurrenzfähig zu sein – nach Verhandlungen mit den Ministerien wurde daraus 1963 die bekannte 60-km/h-Grenze. 1963 entstanden 20 Nullserienfahrzeuge, der offizielle Serienstart erfolgte im Februar 1964, ab April 1964 lief die reguläre Auslieferung. Einer der Konstrukteure, Karl-Heinz Walther, urteilte selbstkritisch: „Wer ein Gefühl für Ästhetik hat, kann die Schwalbe kaum als schön bezeichnen.“ Die Fachpresse sah das milder und lobte vor allem den gelungenen vorderen Kotflügel.
Technik: Neuer Motor, bewährtes Konzept
Kernstück war der neu entwickelte, gebläsegekühlte Motor M53 KHL mit zunächst 3,4 PS, der erstmals direkt bei Simson statt in Sömmerda gefertigt wurde – dafür musste eigens eine neue Taktstraße gebaut werden. Das Fahrwerk basierte auf einem Doppelrohrrahmen mit Vollschwingen vorn und hinten (105/85 mm Federweg), 16-Zoll-Alufelgen und auf 125 mm vergrößerten Trommelbremsen. Die Schwalbe war das erste DDR-Fahrzeug mit Kabelbaum und Flachsteckverbindungen und bot für ein Kleinkraftrad überdurchschnittliche Ausstattung: Batterie, Blinker, Bremslicht, Lichthupe und Parkleuchte. Der 6,8-Liter-Tank saß unter der Doppelsitzbank. Erste Farben waren Atlantikblau, Tundragrau und Verkehrsorange.
1968: Die KR 51/1 mit mehr Drehmoment
Ab 1968 firmierte die überarbeitete Schwalbe als KR 51/1. Der Motor blieb bei ähnlicher Leistung, gewann aber deutlich an Drehmoment, das bereits bei 5000/min anlag – spürbar mehr Elastizität und Beschleunigung waren die Folge. Ein völlig neues, voluminöses Ansaugsystem mit Helmholtz-Resonanzbehälter senkte gleichzeitig das Ansauggeräusch und hob die Leistung leicht auf 3,6 PS an – mehr als beim parallel gebauten Star. Äußerlich blieb die Überarbeitung dezent, erkennbar vor allem an Krümmer und Auspuff.
Varianten für jeden Geschmack
Die KR 51/1-Baureihe (1968–1980) gab es mit Hand- oder Fußschaltung (F), als Komfortversion K mit hydraulischen Federbeinen und längerer Sitzbank, sowie als S-Schwalbe mit fliehkraftgesteuerter Automatikkupplung – ein früher Versuch, Schaltautomatik auch bei Kleinkrädern zu etablieren, der jedoch nur mäßigen Anklang fand. 1975/76 wurde das obere Pleuellager von Bronzebuchse auf Nadellagerung umgestellt, wodurch sich das Gemisch von 1:33 auf das sparsamere 1:50 reduzieren ließ.
Kult bis heute
Anders als die übrigen Vogelserien-Modelle blieb die Schwalbe auch nach 1975 im Programm – offiziell, weil sie sich einer sogar steigenden Nachfrage erfreute. Populär wurde sie zusätzlich durch den DEFA-Film „Schwester Agnes“ (1975). Nach der Wende entwickelte sie sich zunächst im Westen zum Kultfahrzeug, heute sitzen schätzungsweise 150.000 Schwalben noch immer auf deutschen Straßen – ein Symbol dafür, wie sehr ein unscheinbares Alltagsfahrzeug zur Legende werden kann.